BWV 502 So wünsch ich mir zu guter Letzt
  
1.
So wünsch ich mir zu guter Letzt
ein selig's Stündlein, wohl zu sterben,
das mich für alles Kreuz ergötzt
und krönet mich zum Himmelserben
Komm, süßer Tod, und zeige mir,
wo doch mein Freund in Ruhe weidet,
bis meine Seel auch mit Begier
zu ihm aus dieser Welt abscheidet
  
2.
Steh auf, mein Gott, reich mir dein Hand,
und ziehe mich aus lauter Gnaden
zu dir ins rechte Vaterland,
sie seufzet nach dem Freudensaal
da mir kein Unfall mehr kann schaden.
Steh auf, es ist schon hohe Zeit,
erlöse mich aus allem Jammer;
komm, komm, mein Gott, ich bin bereit,
zu gehen nach der Ruhekammer.
  
3.
O lieblich, süßes Stündelein,
wie trag ich doch so groß Verlangen
nach dir allein, bei Gott zu sein,
denn meine Tage sind vergangen;
drum, liebster Vater, gib mir doch
ein selig und vernünftig Ende
damit, indem ich lebe noch,
ein Freudenblick sich zu mir wende.
  
4.
Errette bald aus aller Qual
und aus dem Kerker meine Seele,
sie seufzet nach dem Freudensaal
aus dieser dunklen Sündenhöhle.
Ach! hat sie doch so manchen Tag
das bittre Elend müssen bauen.
Nun gib sie endlich, dass sie mag
das Paradies mit Freuden schauen.
  
5.
Ist doch mein Leben wie das Heu
verdorret und wie Rauch verschwunden,
was sollt ich denn mit Furcht und Scheu
erwarten erst die Todesstunden.
Ach nein! ich will mit großem Dank
aus dieser Welt zum Himmel eilen.
Mein Herz ist ganz vor Liebe krank,
es will durchaus sich nicht verweilen.
  
6.
O angenehmer lieber Tod,
du bist zwar greulich anzusehen,
mir aber nicht, weil du in Not
mich länger nicht willst lassen stehen.
Ich weiß, die Reichen fürchten dich,
die Großen dieser Welt erschrecken,
ich aber nicht, du tröstest mich,
dass mich mein Heiland wieder wird aufwecken.
  
7.
So lass mich, o Herr, mein sterblichs Kleid,
damit ich Armer bin umgeben,
verwechseln mit der Ewigkeit
und dieses mit dem andern Leben
Mach auf die Tür, ich eil herzu,
Verzug, den kann ich gar nicht leiden
Ach hilf! dass ich in stolzer Ruh
jetzt fröhlich mög in Zion weiden.
  
8.
O liebster Jesu, Bräutigam!
dass meine Seele so verlanget,
das machet der Schoß Abraham,
da Lazarus mit Freuden pranget.
Mein Geist, der hat in dieser Welt
dich oft gesucht, doch nicht gefunden
bringst du ihn nun ins Freudenzelt,
so hat er alles überwunden.
  
9.
Es funden mich zu dieser Zeit
sogar von meiner ersten Jugend,
des Teufels Volk, gottlose Leut
und Spötter aller Zucht und Tugend,
die schlugen mich bis auf den Tod
und haben mir mein Kleid genommen.
Mein Gott, sieh an die große Not,
und lass mich aus dem Jammer kommen.
  
10.
Mein Herz erzittert wie ein Laub,
von wegen so viel schwerer Plagen.
Bald werd ich meiner Feinde Raub,
bald ist mein Geist in mir zerschlagen.
Herr, sende mir dein tröstlich Wort,
dass ich in Sünde nicht verderbe,
erquicke mich, wenn ich muss fort,
und hilf mir, dass ich selig sterbe.
  
11.
Gott, meiner Seelen Durst bist du,
wenn werd ich einmal zu dir treten,
wenn schau ich dich in ewger Ruh
, wo dich die Cherubin anbeten
Hier lebe ich in großer Not,
und meines Herzens Tränenquellen,
die müssen sein mein täglich Brot,
ach, lass mich bald mein Haus bestellen.
  
12.
Gefangen lieg ich gar zu hart,
erlöse mich von diesen Banden,
dass ich bei meiner Widerpart
nicht werde ganz und gar zuschanden.
Nimm mich doch auf, dein liebes Kind,
das täglich wünschet dich zu sehen,
führ mich zur Himmelsfreud geschwind,
das Himmelsfest mit zu begehen.
  
13.
Hier sitz ich in der Finsternis,
und in dem dunkeln Todesschatten,
die Lebenszeit ist ungewiss,
doch weiß ich, dass Gott wird erstatten
mein Leid, das mich so sehr geplagt,
zeither ich auf die Welt geboren.
Doch tröst ich mich, was Jesus sagt:
Wer gläubig bleibt, ist nicht verloren.
  
14.
Sei gnädig mir, mein treuer Gott,
in meiner letzten Todesstunden,
versüße mir die Todesnot,
erbarme dich um Christi Wunden.
Mein letzter Wunsch soll dieser sein:
Herr Jesu! nimm in deine Hände
mein' Leib und Seel, so schlaf ich ein
recht selig an dem Lebensende.

Besetzung Continuo
Entstehungszeit 1736
Text Johann Rist 1642
Bemerkungen Schemelli Gesangbuch Nr. 901, NBA Nr. 66

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Text provided by Joachim Vogelsänger